Einfach mal einen raushauen!

01.03.2017

Am Beispiel Dschungelcamp: Gesundheitliche Aufklärung darf auch mal steil gehen

Der Deutsche an sich hat zu wenig Ahnung von Gesundheit. Das ist amtlich. Demnach wissen wir nicht, wo wir uns verlässlich informieren können und welche Schlüsse wir aus diesen Informationen ziehen sollen. Wer aber einen gesundheitsfördernden Lebensstil führen will, sollte gesundheitliche Zusammenhänge verstehen. Und gut informierte Patienten tun mehr, um eine vom Arzt vorgeschlagene Behandlung positiv zu beeinflussen.

Bei jeder Kleinigkeit zu Dr. Google – und trotzdem keinen Schimmer

Aber wieso schnallen wir Gesundheit nicht? Das Netz ist doch voll von entsprechenden Angeboten – und bei der kleinsten Kleinigkeit konsultieren wir Dr. Google. Am Kiosk liegen dazu unzählige Health-Titel aus und in TV und Radio geht die Medizin ebenfalls regelmäßig auf Sendung. Es liegt wohl auch nicht an den so genannten bildungsfernen Schichten: Der im wesentlichen Lifestyle assoziierte Typ 2 Diabetes etwa und mit ihm oft auftretende Probleme wie Übergewicht sind längst ein Massenphänomen, das auch akademische Bücherwürmer betrifft. Es mangelt also nicht an Informationen. Das Problem ist ein sich immer schneller drehender Strudel aus Nachrichten (echte oder gefakte) und die nicht abreißende Lawine aus “Aktuellem” (Trumpitüden und Oscar-Malheur). Weil täglich eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird, befassen wir uns immer kürzer mit einzelnen (bisweilen auch wichtigen) Themen, und leider wohl auch immer oberflächlicher. Oder bei wem bitte sind dieser Tage noch der Brexit oder gar der NSA-Skandal Tischgespräch?

Öfter mal einen raushauen

Wer heute mit seinem Anliegen noch wahrgenommen werden will, muss lauter und vor allem schneller sein denn je. Die Devise lautet: Öfter einfach mal einen raushauen. Gerne eine steile These formulieren. Aber unbedingt aufgreifen, was das Publikum gerade beschäftigt. Klingt nach Populismus? Ist es nicht zwangsläufig, sofern der Absender seine steile These im Nachgang auch glaubhaft begründen kann beziehungsweise relevante Informationen liefert und dialogbereit ist.

Das Dschungelcamp verschlafen

Das Dschungelcamp 2017 zum Beispiel wäre für verschiedene Akteure im Gesundheitssystem eine Chance gewesen, das Thema psychische Erkrankungen einem breiteren Publikum zugänglich und sich selbst in diesem Kontext sichtbar zu machen: Die Zwangsstörung von Kandidatin Hanka Rackwitz wurde zwar in den sozialen Netzwerken diskutiert und von klassischen Medien aufgegriffen. Dass sich aber Krankenkassen oder Pharmaunternehmen, die  gerne aufklären möchten und gegen die Stigmatisierung psychisch kranker Menschen sind, des Themas angenommen hätten, kann man leider nicht behaupten. Warum eigentlich nicht? Ist das RTL-Format zu “bäh”? Oder ist es die falsche Grundannahme, dass seriös unbedingt einer vierwöchigen internen Abstimmung bedarf? Ein kurzes Interview zur Einordnung mit einem Experten oder ein knackiges Listicle zu den wichtigsten Symptomen einer Zwangsstörung hätten es schon getan. Nein, der große intellektuelle Wurf mit wissenschaftlichem Anspruch wäre das nicht gewesen. Aber es hätte in diesem kurzen Moment für viele Menschen Mehrwert und Relevanz gehabt – zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Oder um es mit Ex-Dschungelcamp-Kandidatin Brigitte Nielsen zu sagen: “Was geht los da rein.”

Sven Appel – Managing Editor Healthcare

von Hause aus Journalist und Vielschreiber, überlegt sich Themen, Geschichten und Formate – vor allem für Unternehmen, bei denen sich alles um die Gesundheit dreht.

sven.appel@fischerappelt.de

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