Healthcare braucht mehr Hero-Content

15.06.2018

Oder: Hat Landsteiner mal bei Barca gespielt?

Es ist wieder Fußball-WM. Die ohnehin dauerhaft virulente Heldenverehrung der Kicker erlebt einen weiteren Höhepunkt. Unterstützt wird das Ganze durch das Sammeln von Klebebildchen. Das Ritual, schon viele Wochen vor dem Turnier, Tütchen in der Hoffnung auf die besonders hoch gehandelten Glitzies aufzureißen und auf dem Schulhof oder unter Kollegen zu tauschen, ist längst fester Bestandteil des Kulturguts Fußball. Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich bin ein Anhänger dieses Kultes. Und daher frage ich mich, warum es eigentlich kein Panini-Album gibt, in dem großartige Mediziner verewigt werden. So nach dem Motto: Ich hab den Paul Ehrlich doppelt – gibst Du mir dafür Grüntzig oder Semmelweis?

Wenn ich beim Training meine 13-jährigen Spieler frage, ob sie mal von Foege, Landsteiner oder Salk gehört haben, könnte die Gegenfrage lauten: Haben die mal bei Barca gespielt? Und ich behaupte, die meisten Erwachsenen wissen mit diesen Namen ebenso wenig anzufangen, kennen aber die aktuellen Finalisten diverser TV-Casting-Shows. Dabei hatte die Arbeit der genannten Herren entscheidenden Einfluss auf die Rettung von im wahrsten Sinne des Wortes unzähligen Menschenleben. Der US-Epidemiologe William Foege war maßgeblich an der Ausrottung der Pocken in den 1970er Jahren beteiligt. Karl Landsteiner entdeckte beziehungsweise unterschied die Blutgruppen und legte somit den Grundstein für eine Bluttransfusion, die kein russisches Roulette ist, wofür er 1930 den Nobelpreis erhielt. Jonas Salk entwickelte als erster einen wirksamen Impfstoff gegen Polio.

Die drei Gentlemen nenne ich beispielhaft für eine ganze Reihe großer Lebensretter aus Medizin und Wissenschaft. Zur weiteren Inspiration diene hier die Website www.scienceheroes.com – die nicht schön, aber interessant ist. Nun soll dies kein Aufruf sein, die Großkopferten zu feiern, jedenfalls nicht nur die. Denn in der Medizin ist es wie im Fußball: Große Erfolge werden nur im Team erreicht. Der Pfleger, die Assistenzärztin, die MTA sollten ebenso wertgeschätzt werden. Dafür müssen einerseits zum Beispiel Kliniken und Pflegeeinrichtungen als Arbeitgeber sorgen. Andererseits ist dies in Zeiten des Pflegenotstands und des Ärztemangels in vielen deutschen Landstrichen eine gesellschaftliche Aufgabe.

Die Healthcare-Kommunikation braucht also mehr „Hero-Content”. Die Chancen auf Erfolg stehen ja gar nicht so schlecht: Während es rein rechnerisch quasi ein Ding der Unmöglichkeit ist, Profi-Kicker zu werden, sind die Berufsaussichten im Gesundheitswesen ganz real. Und die Wahrscheinlichkeit, wirklich wichtige Arbeit zu leisten, dürfte im Gesundheitswesen auch größer sein als auf dem Fußballplatz. Also, liebe Klinikbetreiber, Pflegeeinrichtungen, Krankenkassen, Hochschulen und andere Player: Stellt eure Flemings, Jenners und Pasteurs und ihre täglichen Heldentaten mal ins Rampenlicht. Es muss ja nicht gleich „Deutschland sucht die Supermediziner” sein. Gegebenenfalls tun es Sammelbildchen. Und an die Medien: Wie wäre es, im Sommerloch mal nicht über Götze am Pool, sondern über Virchows Erben im Labor zu berichten?

Sven Appel – Managing Editor Healthcare

von Hause aus Journalist und Vielschreiber, überlegt sich Themen, Geschichten und Formate – vor allem für Unternehmen, bei denen sich alles um die Gesundheit dreht.

sven.appel@fischerappelt.de

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