Offenheit ist, wenn es weh tut

27.06.2017

Sven Appel, Healthcare-Redakteur von fischerAppelt, resümiert über ein Jahr Transparenzkodex

Offenheit fördert Vertrauen. Sie kann Beziehungen stärken oder entstehen lassen. Aber offen zu sein, tut manchmal auch weh. Das haben im zurückliegenden Jahr viele Ärzte erfahren müssen: Im Juni 2016 setzten mehr als 50 in Deutschland ansässige Arzneimittelhersteller erstmals ihren Transparenzkodex um. Sie publizierten, welche Zuwendungen Mediziner zum Beispiel für Vorträge auf Fortbildungsveranstaltungen oder für die Mitarbeit an Studien im Vorjahr erhalten hatten. Einer namentlichen Nennung mussten die jeweiligen Ärzte ausdrücklich zustimmen – so verlangt es der Datenschutz hierzulande. Immerhin rund 20.000 Mediziner willigten damals ein. Viele dürften ihre Entscheidung aus dem Vorjahr mittlerweile bereut haben.

Wir erinnern uns: Das Recherchezentrum Correctiv erstellte eine Datenbank und fütterte diese – mit den bereits frei verfügbaren – Daten der Pharmaunternehmen. So kann jedermann auf die Schnelle nachschauen, ob der “eigene” Arzt Zahlungen von der Industrie erhalten hat. Einerseits ein Service, wie Verbraucher ihn heute erwarten. Andererseits eine Steilvorlage für eine Berichterstattung, die den einzelnen Mediziner persönlich angreift und verständlicherweise auch oft überfordert. Dass die Journalisten von Correctiv zunächst den Eindruck erweckten, sie hätten selbst einen vermeintlichen Missstand aufgedeckt – geschenkt.

Offenheit als Chance verstehen

Dass Ärzte mit Arzneimittelherstellern zusammenarbeiten und für bestimmte Leistungen geldwerte Zuwendungen erhalten, bleibt weiter Thema. In diesen Tagen veröffentlichen Pharmaunternehmen ihre Zuwendungen an Ärzte aus dem Jahr 2016. Und Correctiv hat erst kürzlich eine weitere Datenbank bereitgestellt: In die “Null-Euro-Ärzte”-Liste sollen sich Mediziner eintragen, die keine Leistungen der Industrie erhalten haben. Derlei Schubladendenken zeigt, wie wichtig der Transparenzkodex und Offenheit ganz allgemein sind. Transparenz ist die Voraussetzung, um sich glaubhaft erklären zu können. Aufgrund öffentlicher Kritik die Schotten dicht zu machen, wäre daher die falsche Entscheidung. Vielmehr müssen Ärzte, unabhängige Wissenschaftler und die Industrie weiterhin geduldig und nachvollziehbar erläutern, warum Kooperation im Dienste der Wissenschaft notwendig sind und wie sie dabei mögliche Interessenskonflikte vermeiden.

Transparenz heißt auch Service

Die wichtigste Lehre aus einem Jahr Transparenzkodex: Von Belang ist nicht nur, ob offen kommuniziert wird, sondern auch in welcher Art und Weise. Im Zeitalter der digitalen Kommunikation muss nicht nur alles 24/7, sondern am liebsten auf einen Klick und auf vielen Kanälen verfügbar sein. Das darf man übertrieben finden, aber Nachsicht ist hier vor allem von Pharma-Skeptikern nicht zu erwarten. Und noch eine Sache: Fakten alleine sprechen nicht immer für sich. Es braucht Einordnung und vor allem mehr Geschichten, die im Gedächtnis bleiben, um die Erforschung und Entwicklung von Arzneimitteln für ein großes Publikum greifbarer zu machen.

Sven Appel – Managing Editor Healthcare

von Hause aus Journalist und Vielschreiber, überlegt sich Themen, Geschichten und Formate – vor allem für Unternehmen, bei denen sich alles um die Gesundheit dreht.

sap@fischerappelt.de

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Share on TumblrPin on PinterestShare on LinkedIn

Schreib uns:

Du bist gerade als eingeloggt. Logout

Um kommentieren zu können, bitte mit einem der folgenden Social Media-Profile einloggen (siehe Icons unten!) oder E-Mail Adresse (wird nicht veröffentlicht, versprochen) und Name (den brauchen wir) angeben.






Mehr aus dem Blog